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In Europa drängen die Börsenkurse, den US-Indizes folgend, nach Norden. Der DAX hat ein neues Jahreshoch erreicht und strotzt scheinbar nur so vor Kraft. Die Investoren glauben wieder fest an Gewinne am Aktienmarkt. Dabei sind die Problemfelder größer denn je und dennoch gilt, dass der Glaube an steigende Kurse alle Zweifel aus dem Weg räumen kann. Derzeit stehen besonders 8 Probleme im Fokus. Grund für Hoffnung gibt es kaum.

Der Blick auf den Verlauf vieler Börsenindizes verwundert den unbeteiligten Beobachter. Die Aktienkurse klettern, weil immer mehr Anleger von einer positiven wirtschaftlichen Zukunft überzeugt sind. Dieser Kursanstieg soll durch die Hilfe der Zentralbanken gelingen. Sie sollen Geld für schwache Unternehmen bereitstellen, indem sie deren Anleihen kaufen. Sie sollen Staaten bei der Finanzierung ihrer Haushalte helfen, indem sie deren Anleihen kaufen. Sie sollen Leitzinsen so niedrig wie möglich drücken, damit der Konsument nicht mehr spart, sondern sein Geld ausgibt. Und wenn er nicht ausreichend Kapital hat, dann soll er sich verschulden (die niedrigen Zinsen laden dazu ein). Von solch einer rosigen Zukunft, nämlich immer mehr Wachstum, träumt der Investor von heute. Die Unternehmen sollen Gewinne erzielen und ihm Profite bescheren. Ob sich soviel Hoffnung erfüllen wird, ist zweifelhaft. Umgangssprachlich würde man sagen, der Investor hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

DAX, Wochenchart, Stand 12.568 Punkte

Die nachfolgende Übersicht zeigt die derzeitigen Baustellen. Je weiter man liest, umso verwunderter ist der Leser, wie die Anleger unter diesen Umständen zu Gewinnen kommen wollen.

Schuldenkrise: In einer überwiegenden Anzahl von Staaten sieht die Haushaltssituation schlecht aus. Die Einnahmen decken die Ausgaben nicht. Anstatt die Ausgaben zu verringern, erhöht man die Verschuldung. Dies ist möglich, da durch die Einmischung der EZB die Kreditzinsen niedrig sind. Staaten können sich zu geringeren Kosten verschulden, als das unter normalen Umständen der Fall wäre. In einer realistischen Umgebung würde der Markt die Risiken eines Schuldners in der Höhe des Zinssatzes ausdrücken. Aktuell ist das durch die Verzerrung der Zinsfunktion nicht möglich. Ein besonderes Problemkind ist dabei Italien.

Italien: In einem weiteren Fall richten sich die Augen auf das Land im Süden Europas. Die widerspenstige Regierung macht es europäischen Instanzen in Brüssel nicht leicht, ihre Ideen und Forderungen durchzusetzen. Spardiktate will man in Italien nicht hören, ganz im Gegenteil, man plant sein eigenes Geld (mehr über Mini-BOT erfahren). Flüchtlinge nimmt man nicht mehr auf, obwohl das anders besprochen wurde. Weitere Konflikte, auch mit osteuropäischen Nationen, sind vorprogrammiert.

Konjunktur: Überall in Europa schwinden die Wachstumshoffnungen. Die Wirtschaft kühlt ab. Das ist ein ganz normaler Prozess, doch wollen das die Regierenden nicht wahrhaben. Erst kürzlich wurde ein massiver Auftragsschwund in der deutschen Industrie festgestellt. Konjunkturprognosen wurden bereits zurückgeschraubt, Unternehmen verkünden geplante Entlassungen.

Konjunktur II: Eine wesentliche Schwachstelle in Europa ist die Abhängigkeit von der Autoindustrie. Es war die Politik selbst, die jahrzehntelang Veränderungen verhindert hat. Die Autoindustrie war immer geschützt. Jede Veränderung wurde von der Politik mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit der Branche vermieden. Zu spät merkt man nun, dass man lange Zeit an alten Mustern festgehalten hat.

Handelsstreit: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der Fokus der US-Administration gegen Waren aus Europa richten wird. Bisher versuchen die Regierungschefs der Euronationen, noch gute Miene zu machen. Sie wollen mit dieser zurückhaltenden Politik die USA besänftigen. Wie man bisher sieht, mit wenig Erfolg. Hier wird sich das Augenmerk auf die geschwächte europäische Autoindustrie richten. Es ist ein globaler Hang zum Protektionismus entfacht worden, der sich durch ein Ende der Globalisierung erklären lässt. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Europa ungeschoren davon kommen wird. Nach dem Handelsstreit (mit China) ist vor dem Handelsstreit (mit Europa).

Brexit / Großbritannien: Trotz der Ruhe in den letzten Wochen und Monaten, der Brexit ist keinesfalls ausgestanden. In irgendeiner Form wird dieser Teil der Landkarte aus dem europäischen Verbund ausbrechen. Die Frage ist nur wann und wie. Egal was noch kommen mag, die fortlaufende Unsicherheit bei diesem Thema wird jegliche Form von Handel und Investitionswillen mit Großbritannien erlahmen lassen, was wiederum zu einer schwachen europäischen Konjunktur führt. Die Politik zeigt sich hier wieder einmal gehemmt und wenig zielorientiert.

EZB/Geldpolitik: Die Europäische Zentralbank bereitet sich weiter auf eine Lockerung ihrer Geldpolitik vor. Dabei ist zu erwähnen, dass diese bereits unnatürlich locker ist und Zinsen die realen Marktrisiken nicht mehr abbilden. Investoren machen Geschäfte, die sie unter marktüblichen Bedingungen nicht eingehen würden. Anleger sind gut beraten, wenn sie überlegen, warum sich die Zentralbanken (auch andere Zentralbanken agieren ähnlich) für immer niedrige Leitzinsen und immer mehr Stimulation aussprechen. Offenbar war ihre Arbeit bisher wenig erfolgreich oder anders ausgedrückt, die Medizin wirkt beim kranken Patienten nicht.

Iran / USA: Und als wäre all das nicht schon genug, eskaliert der Streit zwischen den USA und dem Iran. Das Säbelrasseln wird lauter. Die USA hat alles unternommen, damit der Iran in die Ecke gedrängt wird und als Bösewicht dasteht. Europa hat sich wieder einmal zurückgehalten, obwohl es das Muster des US-Vorgehens kennt. Ein politischer Konflikt im Nahen Osten würde sofort weitere Nationen in diese Auseinandersetzung einbinden.

Nach all diesen Problemherden fragt sich der Leser trotzdem, warum die Börsenkurse nach Norden ziehen, warum der DAX auf Jahreshoch notiert und warum die US-Indizes jede Gelegenheit nutzen, um weiter anzusteigen. Hier kommt die schlichte Antwort.

Hoffnung: Der Aktienmarkt ist berauscht davon, dass jegliche Probleme am Markt durch die Zentralbanken aus dem Weg geräumt werden können. Die Denkweise dahinter ist, dass diese Institution Geld aus dem Nichts schöpfen kann. Solange dies von den Investoren nicht hinterfragt wird, so lange ist die Welt an den Börsen in Ordnung. Obwohl die Wirtschaft das Tempo gar nicht mitgeht, das die Anleger durch die Kursanstiege vorgeben, ist die Laune noch immer blendend. Marktteilnehmer sollten jedoch bedenken, dass vor jeder großen Krise die Laune an den Aktienmärkten blendend war. Zu sehr ist man von alten Denkmustern geprägt, giert nach mehr Gewinn und verpasst den Ausstieg aus dem Markt. Dabei liegen die Risiken auf dem Tisch.

Der deutsche Leitindex DAX kämpft mit der Schlüsselmarke bei 12.620 Punkten. Sie wird der Signalgeber für die weitere Richtung an der Börse sein. Wir verfolgen die weitere Entwicklung und informieren unsere Leser über neue Einschätzungen. Nutzen Sie unseren Newsletter (hier eintragen).

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

start-trading Team

P.S. Was Sie schon immer über Geld und Wirtschaft (hier) wissen wollten.

 

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