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Obwohl sich die Türkei in den letzten Jahren wirtschaftlich besonders gut entwickelt hat, ist dieser Erfolg bei den Menschen nicht richtig angekommen. In kaum einem anderen Land ist der Widerspruch zwischen Realität und dem Schein so deutlich wie in der Türkei. Der Reichtum aus den wenigen Vierteln der Großstadt ist eben nicht auf die ganze Bevölkerung übertragbar. Die modernen Frauen aus dem Fernsehen sind nicht diejenigen, die in der Türkei auf der Straße anzutreffen sind. Dieser Widerspruch findet seinen Ausdruck in der aktuellen Eskalation.

Die Türkei kommt nicht zur Ruhe. Zu wichtig ist es den Menschen, für ihre Rechte zu kämpfen. Da ist besonders der Wunsch nach Meinungsfreiheit hervorzuheben und vor allem die Freiheit, Dinge nach eigenem Ermessen tun zu können. Das kann man in der Türkei nämlich nicht. Keine Frau kann sich so anziehen, wie sie will, und sich dann in einen Dolmus (kleine Busse) setzen. Der Fahrer nimmt die Frau dann nicht mit. Das braucht nicht mal anzüglich sein, es reicht "zu modern" gekleidet zu sein. Die Menschen sind soweit in ihrer Freiheit beschnitten, dass sie nur noch nach den Vorgaben der Regierungspartei AKP richten. Individuelle Freiheiten und Entscheidungen sind in der Türkei fremd.

Man braucht sich nur die Werbung im türkischen Fernsehen ansehen. Sehr moderne Aufmachung, die Menschen sind sehr modern dargestellt, die Kleidung ist modern. So will (oder wollte) man auch in die EU aufgenommen werden. In Wirklichkeit ist das Land ländlich und weit entfernt von diesem modernen Shopping-Center-Image, welches in den Medien dargestellt wird. Das gilt für viele Dinge. In Musikclips ist viel nackte Haut zu sehen. Auf den Straßen ist das Tragen von kurzen Kleidungsstücken verpönt. Das geht sogar soweit, dass Frau zwecks Rüge auf offener Straße angesprochen wird.

Diese Beispiele sollen zeigen, dass die Bevölkerung der Türkei in einem krassen Widerspruch lebt, dieser entlädt sich nun wie bei einem Erdbeben. Die Gewalteskalation, die durch die Geschehnisse rund um den Gezi-Park ihren Anfang genommen haben, ist der Riss, der die Gesellschaft so spaltet. Die 74 Millionen Menschen können die Bevormundung durch die Regierungspartei und den Premier Erdogan nicht mehr ertragen.

Die AKP-Partei hat zu diesem Widerspruch in der Gesellschaft beigetragen. Sie hat die veralteten Traditionen als Maß aller Dinge gepriesen und damit die moderne, vor allem jüngere Bevölkerung unterdrückt. Dass jetzt genau die Eskalation in Istanbul aufkommt, verwundert nicht. Istanbul ist die Millionenmetropole des Landes. Sie musste schon immer in der Geschichte der Türkei das moderne Erscheinungsbild aufrechterhalten und gleichzeitig die Millionen Landbewohner, die wegen der Arbeit in die Stadt gekommen sind, verstecken. Diese Stadt ächzt unter den Gegensätzen.

Die wahre Ursache der aktuellen Eskalation ist dem Premier immer noch nicht bekannt. Sieht man ihn reden, dann erinnert man sich an einen Großpascha. Seine Worte sind markig und alt. Der Premier ist nicht der Mann, der die junge Türkei in die Zukunft führen kann. Schon allein, dass er sich nicht auf eine Basis der Kommunikation mit den Demonstranten verständigen kann, zeigt, wie weit weg Erdogan von den Menschen ist.

Die Regierung in der Türkei ist nicht nur Erdogan, es ist die AKP-Partei. Sie hat die Gesellschaft in den letzten Jahren gespalten. Jetzt bekommt sie die Quittung dafür.

Über die Wut, die sich bei den türkischen Bürgern aufgestaut hat, haben wir bereits in dem Artikel „Türkei: Atatürk hätte den Widerstand gewollt“ geschrieben.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

start-trading Team

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