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Die neuesten Wiesbadener Zahlen zum deutschen Wirtschaftswunder, welche uns die Medien in permanenter Wiederholung darbieten, haben sich als wenig wunderlich herausgestellt. Erwartet wurde ein Plus um 0,3%, heraus kam nur ein kleines Plus von 0,1%. Das stört die Aktienanleger erst mal nicht, diese machen sich auf und markieren ein neues Rekordhoch im DAX. Als schlimm wird das schwache Wachstum nicht empfunden, denn man hat bereits einen Schuldigen.

Es war in der Geschichte der Menschheit immer so, dass es ein Bauernopfer geben muss, damit die Stimmung sich beruhigt. Jemand muss als Schuldiger ausgewiesen werden, auch wenn er die Tat nicht begangen hat. Das ist in der Politik, in der Wirtschaft oder allgemein in der Gesellschaft so üblich. Dieser Art des Kaschierens ist also erprobt und eingeübt.

Wenn nun die Wirtschaftsleistung in Deutschland schwächelt, dann könnten viele Anleger nervös werden und ihre Anteile verkaufen. Das wäre schlecht für den Finanzplatz Deutschland. Würden sich viele Menschen zu sehr mit dem Thema BIP beschäftigen und hinter die Fassade blicken, dann würden viele merken, auf wie viel Sand die angebliche starke deutsche Konjunktur steht. Für das Jahr 2013 wird ein Anstieg von 0,7% erwartet. Das wird nicht zu erreichen sein. Zum jetzigen Zeitpunkt soll aber die Motivation hochgehalten werden. Auch die EZB hatte Ende letzten Jahres Mut für die europäische Konjunktur gemacht (hier). Wie sie darauf kommt, weiß nur sie selbst.

Das schwächere Wirtschaftswachstum in Deutschland im letzten Quartal wird dem schlechten Wetter zur Last gelegt. Der Winter wäre zu hart und zu lang gewesen. Die vielen Aufträge (z.B. im Bau) konnten deshalb nicht abgearbeitet werden. So ein Schlingel, das Wetter. Dass Vorzeigeindustrien wie die Automobilwirtschaft mit Vollgas in die Krise steuern, das wird jedoch nicht thematisiert.

Dabei ist Deutschland nicht alleine mit einer schwächeren Konjunktur. Während Deutschland noch ein Miniplus geschafft hat, ist das in den anderen europäischen Staaten anders. In Frankreich ist zum zweiten Mal hintereinander die Wirtschaft geschrumpft. Es handelt sich nach Definition um eine Rezession. Sowohl im Schlussquartal 2012 und auch im ersten Quartal 2013 sank die Wirtschaftsleistung um 0,2%. Die Niederlande meldet ein Minus von 0,1%. Auch die Wirtschaft in Italien schwächelt. Sie sinkt um 0,5%. In Italien herrscht Dauerrezession. War auch in Italien das Wetter schuld?

Die schwachen Konjunkturmeldungen aus den europäischen Nationen stören die Anleger in Frankfurt nicht. Diese sind davon überzeugt, dass Aktien das Mittel gegen jede Krise sind. Solange der Aktienmarkt steigt, sind die Probleme der Volkswirtschaften nicht die Probleme der Anleger. Kursgewinne rechtfertigen eben jede Handlung und mögen sie noch so unsinnig sein.

Vielleicht hat die Frühlingssonne zu stark auf die Köpfe der Anleger geschienen und ihnen den Blick für die wirtschaftliche Lage verdrängt. Dann wäre erneut das Wetter schuld an dem Unvermögen der Börsianer, die Realität so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich ist. Für den Moment dominiert die Euphorie, obwohl die fundamentalen Daten eine andere Sprache sprechen.

Das Anlegerhirn sonnt sich in der Gewissheit, dass wenn das Wetter nicht dazwischen gepfuscht hätte, die Konjunktur in Deutschland deutlich besser wäre. Und das wäre nach Meinung der Anleger eben doch ein Grund, weiter Aktien zu kaufen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr

start-trading Team

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