Buchtipp

Wie gestern der EZB-Rat entschieden hat, wird der Leitzins unverändert bei 0,75 Prozent bleiben. Das passt ganz und gar nicht zu den Aussagen von EU-Präsident Rompuy, von EU-Kommisionspräsident Barroso und von Finanzminister Schäuble, die Euro-Krise sei vorüber. Wenn das stimmen würde, müssten die Zinsen angehoben werden. Das ist jedoch nicht geschehen. Auch wenn die EZB wollte, sie könnte die Leitzinsen gar nicht erhöhen. Die Sache ist kompliziert.

"Die Entscheidung fiel einstimmig“, sagte EZB Präsident Draghi. Das soll die Stärke der Entscheidung untermauern. Jedoch ist gar kein Spielraum für jegliche Entscheidung mehr vorhanden. Das hat sich die EZB selbst zuzuschreiben. Die Zinsen sind auf Rekordtief. Bisher sind von ihnen jedoch keine Stimulierungseffekte entstanden. Das Einzige, was angesprungen ist, ist der Finanzmarkt. Der Aktienmarkt steigt wegen der heißen Luft, und die Zinsen für Staatsanleihen sind geringer, aber sonst? Wo bleiben die wirtschaftlichen Erfolge?

Eigentlich wollte man durch die gesenkten Leitzinsen die Konjunktur ankurbeln, das ist der EZB jedoch nicht gelungen. Aber das wäre auch ein schwieriges Unterfangen. Einerseits betont die EZB das viele neue Geld, das sie selbst in Umlauf gebracht hat, sei nicht in der Wirtschaft angekommen, Inflationssorgen wären daher unberechtigt. Auf der anderen Seite will sie aber genau das haben. Damit die Konjunktur anspringt, muss das Geld in die Realwirtschaft. Die EZB hat sich da in eine sehr schwierige Lage begeben.

Würde das Geld wirklich in der Realwirtschaft ankommen, wo es hin soll, nämlich bei Unternehmen und Konsumenten, dann würden die Preise schnell anziehen. Zuviel Geld ist wertlos, man muss mehr davon aufbringen, um das gleiche Gut zu kaufen. Die Inflation wird ihr wahres Gesicht zeigen. Genau das will die EZB aber auch nicht. Die Inflation soll gering bleiben. Was soll die Zentralbank machen? Es sieht nicht gut aus.

Nehmen wir an, die Inflation oder die Konjunktur springt an (möglich ist auch das Auftreten von beiden Punkten), dann muss die EZB schnell handeln und die Zinsen anheben. So hat sie lange Zeit argumentiert. Wenn es der Konjunktur besser geht, dann werde man das viele neue Geld wieder aus dem Markt nehmen. Sie wird aber gar nicht  genau wissen, wann dieser Moment gekommen ist. Darin liegt eine große Gefahr.

Zu Beginn eines wirtschaftlichen Aufschwungs wird sie das kleine Feuer, das Fünkchen, nicht ausblasen wollen. Nach einer weiteren Weile wird sie den gerade warm laufenden Konjunkturmotor nicht abwürgen wollen. Dann wird es jedoch bald zu spät sein.

Dennoch sind sich Experten einig: Die Bürger sollen sich nicht wegen Preissteigerungen/Inflation sorgen. Es gäbe keinen Grund dafür. Es wird besonders gespannt zu verfolgen sein, wie man sich in der Zukunft aus dieser Haltung herausredet.

Das Anspringen der Konjuktur in der Eurozone kann in verschiedenen Staaten unterschiedlich sein. Ein Durchschnittswert macht nämlich keine Aussage über die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in den einzelnen Ländern. Wenn einige wenige Länder die Statistik hochziehen und viele andere Euroländer am Verhungern sind, könnte die EU sich trotzdem über Wirtschaftswachstum freuen.

Wenn der Moment gekommen ist, wo die EZB reagieren muss und die Zinsen anheben sollte, dann wird sie das gar nicht können. Denn damit würde sie den allgemeinen Zinssatz nach oben hieven, der den besonders verschuldeten Staaten sofort die Luft zum Atmen nehmen wird.

Die EZB kann also gar nicht handeln. Sie hat sich selbst jegliche Handlungsmöglichkeiten genommen. Ein Systemcrash ist nicht auszuschließen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr

start-trading Team

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