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In der Wochenendausgabe einer großen Wirtschaftszeitung ist wieder einmal Verwunderliches zu lesen. Es heißt dort in einem Artikel, die deutschen Exporte weisen "überraschend" ein deutliches Minus aus. Ach nee, raunt es jetzt vor den Bildschirmen, "welch ein Wunder". Mit einem Nachfrageeinbruch hätte ja auch wirklich niemand rechnen können. Manchmal muss man sich über die deutschen Medien wundern, denn sie scheinen nicht auf dem gleichen Planeten zu leben wie ihre Leser.

Wenn man von einer Überraschung spricht dann suggeriert man dem Leser, es sei etwas passiert, dass man (in diesem Fall die Zeitung, die Medien, die Politik) unmöglich hätte erahnen können. Man ist also auf dem falschen Fuß erwischt worden. Vor allem suggeriert "überraschend", dass hier niemand die Verantwortung tragen kann. Man konnte es nicht wissen, ist die allgemeingültige Annahme.

Warum muss eine Zeitung überhaupt "überraschend" in einem Artikel im November schreiben, wenn eine logische Schlussfolgerung das gleiche Ergebnis gebracht hätte? Der gleiche Satz hätte auch ohne das Wort „überraschend“ formuliert werden können. Er wäre dann genauso richtig gewesen, vor allem wäre die Aussage näher an den Tatschen. Die Zeitung hätte den Eröffnungssatz des Artikels auch so beginnen können: „Wie zu erwarten war, sinken die deutschen Exporte". Hat sie aber nicht, denn das hätte ein lästiges Hinterfragen ausgelöst.

Daraus lässt sich ableiten, dass man hier ein Interesse hat, eine Formulierung zu wählen, nämlich durch Hinzunahme des Wortes "überraschend" , welche leer im Raum steht und vor allem unschuldig wirkt. Hätte ja wirklich niemand ahnen können, dass die deutschen Exporte sinken werden, wenn in Europa die Schuldenkrise grassiert, die Mittelmeerländer mit Spardiktaten versehen werden und ihre Ausgaben nur noch auf das Nötigste beschränkt werden. Dass Menschen, die keine Arbeit haben, auch keine Güter mehr kaufen können, ist logisch und setzt kein BWL-Studium voraus. Der einfache Menschenverstand hätte hier eins und eins zusammenzählen können. Die Medien wollten offenbar nicht zählen.

Die Wahl der Worte hat Auswirkungen darauf, wie ein Text auf den Leser wirkt. Die Medien sind Fachleute, wenn es darum geht, aus einem U ein X zu machen. Deshalb ist es immer wichtig zu hinterfragen, warum eine Nachricht genau so präsentiert wurde und nicht anders. Es geht immer darum, welches Bild vermittelt werden soll. Bereits in einem früheren Artikel "Handelt es sich um Hofberichterstattung" wurde auf die verleitenden Formulierungen in einer Zeitung hingewiesen.

Schon Ende August haben wir auf die Schwierigkeiten im deutschen Export hingewiesen. Ein Zitat aus dem Artikel: "Exporte schwächeln: Medien sind überrascht" bringt es auf den Punkt:

Was möglicherweise jedes Kind konnte, haben die großen Medien nicht geschafft. Nämlich die einfache Antizipation, dass wenn die europäischen Krisenstaaten massiv sparen müssen, dass diese auch weniger deutsche Produkte kaufen werden. Wer kein Geld hat, kann auch nichts kaufen. Klingt logisch? Ist auch logisch!

 

Der Einbruch in den deutschen Exporten war vorhersehbar und keineswegs eine Überraschung.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr

start-trading,de

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