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Immer wieder liest man, dass das Wirtschaftswachstum angeschoben werden soll . Wie muss man sich das vorstellen? Wie ein Auto, das nicht angesprungen ist? Sobald das Fahrzeug angeschoben wird und man die Kupplung im zweiten Gang kommen lässt, dann springt der Konjunktur-Motor wieder an? Vielleicht klappt das, wenn das Problem die Batterie ist. Aber nachhaltig ist die Lösung nicht. Die derzeitige Lage scheint brisant zu sein, denn plötzlich haben es alle Beteiligten eilig, die Wirtschaft anzuschieben.

An vorderster Front sind die Regierungen. Ihre nächste Wiederwahl hängt von einer wenig murrenden Gesellschaft ab. Also wird schnell gehandelt. Die lahmende Konjunktur soll in Gang gebracht werden. Dafür werden Konjunkturprogramme in Milliardenhöhe aufgelegt. Besonders auffällig ist dabei, dass für Ausgaben meist kein Geld da ist und trotzdem für eine Stimulierungsmaßnahme Geld aufgetrieben werden kann. Wenn es um die Wirtschaft geht, kennt man kein Zögern.

Japan stimuliert schon seit Jahren und es regt sich nichts. Die Deutschen haben mit der Abwrackprämie helfend in das Wirtschaftsgefüge eingegriffen. Viele noch gut erhaltene und noch funktionierende Autos wurden verschrottet und gegen ein neues Auto vom Händler eingetauscht. Der Vorteil waren 2500 Euro für jeden Kunden, der diesen Schritt gemacht hat. Man wollte die Autoindustrie stützen, das hat man auch geschafft.

Ziel ist es, einen ökonomischen Kreislauf in Gang zu bringen. Dieser wird durch eine Stimulation ausgelöst. Im Falle der Autoindustrie (durch die Abwrackprämie) bestellen die Menschen neue Autos, die Industrie produziert diese, die Zulieferer produzieren und liefern die Teile, sie stellt womöglich neue Mitarbeiter ein, die Arbeitnehmer der Autoindustrie im Ganzen erhalten Lohn, diesen geben sie aus, kaufen Konsumgüter, das erhöht die Nachfrage nach Produkten der Konsumgüterindustrie, diese fertigt die nachgefragten Güter usw. Am Ende haben alle etwas davon, der Staat kann sich zurück ziehen und die Konjunktur läuft von alleine.

Nicht nur die Regierung ist ganz heiß auf Stimulierung. Auch die Zentralbanken wollen etwas beim Anschubsen helfen. Die EZB hat den Banken zum Jahreswechsel über eine Milliarde Euro bereitgestellt. Damit sollten u.a. Staatsanleihen kriselnder Staaten gekauft werden, das haben die Banken aber nicht riskiert und deshalb auch nicht getan. Außerdem sollten sie Kredite an die Wirtschaft vergeben, damit diese wieder investieren können. Bei einer Investition erfolgt eine Stimulierungsmaßnahme in klein.

Ein Unternehmen will zum Beispiel eine Fabrik hinstellen, dafür leiht es sich Geld von der Bank. Der Kreislauf beginnt dann wie oben geschildert, aber mit anderen Parametern. Die Maschinenindustrie bekommt Aufträge, um die Fertigungsgeräte herzustellen, die Bauindustrie erhält Aufträge um die Fabrik und die Infrastruktur zu fertigen. Arbeitnehmer dieser Branchen bekommen Gehalt, geben dieses aus usw.

In der Theorie funktioniert das auch, nur in der Praxis eben manchmal nicht. Die Banken, welche sich das Geld von der EZB haben geben lassen, leihen es nicht weiter sondern parken es bei der EZB. Der Grund ist zum einen, dass die Bank das Geld dringend selbst braucht, wenn die Krise wieder beginnt und zum anderen ist die Kreditnachfrage gar nicht da. Warum nicht?

Nur weil es Geld in Form von möglichen Krediten gibt, heißt das noch lange nicht, dass ein Unternehmen investieren wird. Die Annahme, billiges Geld würde die Konjunktur ankurbeln, ist schlichtweg falsch. Jedes Unternehmen, das eine Investition tätigen möchte, überlegt zunächst, ob sich diese Investition rentiert. Wenn die Frage nicht mit einem klaren "Ja" beantwortet werden kann, wird es keine Investition geben. Möge der Kredit noch so günstig sein. 

Da hilft es auch nicht, wenn Regierungen und Zentralbanken gebetsmühlenartig immer und immer wiederholen, die Wirtschaft möge in Gang kommen, sie wären gewillt, noch mehr Geld bereitzustellen. Wie man in der Vergangenheit sehen konnte, ist allein das "Fluten" der Märkte mit Geld noch kein Grund, auch Investitionen zu tätigen.

Unternehmen würden auch bei höheren Zinsätzen Investitionen tätigen, wenn sich das "Geschäft" lohnt. Derzeit ist die konjunkturelle Lage äußert instabil. Kein Unternehmen will sich zu weit aus dem Fenster wagen und Investitionen tätigen, die sich später als Fehlinvestition herausstellen.

Bei den Privatkrediten ist die Lage wie folgt: Südeuropa ist komplett von der Kreditnachfrage angeschnitten. Die Leute kämpfen ums Überleben. Diejenigen, die noch solvent sind, werden sich hüten, in diesem wirtschaftlichen Umfeld noch etwas über Kredit zu kaufen. In Mittel- und Nordeuropa sind die Konsumenten noch kreditwürdig, aber auch sie trauen sich nicht mehr so viel wie früher.

Die Industrie will nicht nach Krediten fragen und die Privaten können nicht. Da wären wir wieder beim Konjunkturmotor, der am Abwürgen ist. Da unsere Gesellschaft heute vornehmlich von Kredit lebt, darf es in den Augen der Regierungen und der Zentralbanken nicht zu einem Stillstand kommen.

Jetzt schließt sich der Kreis. Um das Unvermeidliche abzuwenden, versuchen die Regierungen alles in ihrer Macht stehende zu tun. Die Regierungen können tatsächlich als Nachfrager auftreten, sie können direkt Aufträge aufgeben, während die Zentralbanken nur das Geld bereit stellen können. Aber auch den Staaten fällt eine immer neue und höhere Verschuldung nicht mehr so leicht, da ihnen die Ratingagenturen im Nacken sitzen und eine hohe Schuldenquote nicht tolerieren.

Bei all dem hastigen Handeln wird vollkommen vergessen, nach den Ursachen zu schauen. Man will weitermachen wie bisher, nämlich mit neuen Krediten ein Wirtschaftswachstum am Laufen zu halten, das es aber so nicht mehr gibt. Wie lange kann man ein defektes Auto anschieben, ohne die Batterie zu tauschen? Irgendwann ist auch die stärkste Kraft des Schiebenden verbraucht, dann kann niemand mehr anschieben.

Spät könnte die Einsicht kommen. Hätte man doch seine Kraft sinnvoll eingesetzt und vorausschauend gehandelt. Davon ist bisher nichts zu sehen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr

start-trading Team

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