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Seit Anfang August fallen weltweit die Aktienkurse. Die Angst ist ausgebrochen und greift nun hysterisch um sich. Keine Zeitung, keine Sendung vergeht, ohne auf die Talfahrt der Börsen einzugehen. Aber die Mehrheit der Deutschen interessiert sich gar nicht für die Börsenkurse. Ob nun die Aktien fallen oder ein Sack Reis in China umfällt, das ist dem Deutschen völlig schnuppe.

 

Die Mehrheit des Volkes hat gar nicht das Geld, um in Aktien zu investieren. Ein wesentlicher Teil lebt von der Hand in den Mund. Am Ende des Monats wird dann gerade noch die Start/Ziel Linie erreicht, dann kommt das neue Gehalt für den nächsten Monat. Ein weiterer Teil hat sein Geld in eine Immobilie gesteckt. Dieser zahlt brav seine monatlichen Raten ab, spart eisern für die Sondertilgung und ist froh, wenn die Heizung nicht kaputt geht. Von einer Anlage in Aktien ist dort auch nichts zu bemerken. Damit hätten wir wohl 2/3 der Deutschen betrachtet, die nichts mit dem Absturz an den Börsen zu tun haben.

 

Denn nach den Zahlen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) besitzen nur knapp 13% der Bevölkerung direkt oder indirekt Aktien. Die Verteilung ist wie folgt:

 

Gesamt: 13% = 8,3 Millionen

Direkt in Aktien investiert: 3,4% = 2,2 Millionen

Indirekt in Aktien investiert (Fonds): 7,1% = 4,6 Millionen

Mischung (investiert in Aktie & Fonds): 2,3% = 1,5 Millionen

 

Zieht man von den obigen Zahlen diejenigen Unternehmer und Manager ab, die von Berufs wegen entweder die Aktien des eigenen Unternehmens halten oder mit Aktien vergütet werden, dann bleibt für das normale Volk wirklich nicht viel übrig. Da die zuvor genannte Personengruppe nicht statistisch beziffert ist, müssen wir jetzt schätzen, dass ungefähr 9% des Volkes wirklich etwas mit der Aktienanlage zu tun hat.

 

Das muss man sich einmal verdeutlichen. 9 Bürger von 100 haben etwas mit Aktien zu tun. Und 91 interessieren sich überhaupt nicht dafür, was am Aktienmarkt passiert. Da ist das Interesse, ob die Händler entsetzt dreinblicken oder die nächste Yacht nicht bezahlen können, sowas von gering. Oder ob die Kursstürze durch einen Fat-Finger-Trade ausgelöst wurden. Ein Händler soll sich beim Eingeben eines Auftrages vertippt haben und die Computersysteme haben dann sofort begonnen zu verkaufen und haben den Einsturz eingeleitet. Dieses dreiste Gerücht wurde dann schnell wieder revidiert, als niemand auf die Geschichte angesprungen ist.

 

Es wird den Deutschen immer wieder vorgeworfen, sie müssen auch einmal das Risiko wagen. Aktien würden an dem Wachstum der deutschen Unternehmen partizipieren, da wäre eine wesentlich bessere Rendite zu holen als mit dem langweiligen Sparbuch. Die Anleger sollten Aktien langfristig betrachten und sich nicht durch die kurzfristigen Turbulenzen durcheinander bringen lassen. Die Kritik perlt an den Deutschen ab. Die Zockerei am Börsenparkett und die weltfremden Investmentbänker sind ihnen ein Dorn im Auge. Die Deutschen und der Aktienmarkt werden nie Freunde, so scheint es.

 

 

Die Deutschen hatten ihre Aktienlektion:

Es mag vereinzelt ein Leser einwerfen, dass man etwas, was man nicht probiert hat, auch nicht kategorisch ausschließen kann. Die Bürger sollten sich wenigstens einmal am Aktienmarkt versuchen. Das bringt uns zu einem wichtigen Punkt, denn die Deutschen sind gar nicht so unerfahren in der Aktienanlage. Als der Deutsche sein Interesse für den Aktienmarkt entwickelte, da hat man ihm übel mitgespielt und deshalb hat er sich wieder zurückgezogen.

 

Es war Mitte der 90er Jahre, als der Aktienmarkt salonfähig wurde und die deutsche Telekom ihren Börsengang feierte. Die Volksaktie wurde beworben und das nicht zu knapp. Plötzlich hatte man als Finanzmarkt und als Staat den Nerv getroffen, mit dem man das schlummernde Billionenvermögen der Bundesbürger zugunsten der Allgemeinheit freisetzen konnte. Die Deutschen begannen sich für die Aktienanlage zu interessieren. Zunächst noch zaghaft und erstmal nur in die großen Werte aus dem großen Index DAX. Angelockt durch die ersten guten Resultate, wurde der  Zulauf immer stärker und weiteres Geld der Bürger wollte in den Aktienmarkt.

 

Schnell wurde ein neues Segment an der Börse gegründet, nämlich der Neue Markt. Junge dynamische Unternehmen sollten sich folgendermaßen Geld beschaffen können. Während der Zeichnungsphase geben Unternehmen Aktien aus und die Aktionäre bezahlen für diese ausgegeben Aktien. Mit dem Börsengang ist der Kapitalbetrag, den das Unternehmen bekommt abgeschlossen. Wie dann später der Kurs sich verändert oder ob Herr Schmitt oder Frau Meyer die Aktien halten ist unerheblich. Da die Aktien der kleinen Unternehmen auf viel Zulauf trafen, erfüllte sich die Prophezeiung von Analysen und auch die vom Nachbarn. Das Investment in Aktien war augenscheinlich profitabel. Wer in Aktien investierte, der konnte gewinnen. Und da Ende der 90er Jahre fast jede Aktie stieg, konnte man nichts falsch machen. Das animierte die Bürger dazu, noch mehr Geld locker zu machen. Nun hielt es auch die Vorsichtigen nicht mehr an der Seitenlinie. Auch diese wollten nun am Börsenboom teilhaben.

 

Es war eine tolle Zeit. Der Aktienmarkt legte eine gute Wertsteigerung hin. Börsengänge fanden großen Zuspruch. Viele weitere Unternehmen strömten an die Börse und deren Aktien wurden gekauft. Die Banken endeckten die Börsengänge (IPO) als Geldquelle. Banken begleiteten Unternehmen mit Roadshows, Investorentreffen und Hochglanzprospekten, bis diese den erfolgreichen Weg auf das Parkett schafften. Auch Unternehmen, die nicht börsentauglich waren, wurden auf das Börsensegment geführt. Hauptsache, die Banken hatten ihren Gewinn bei diesem Geschäft.

 

Da scheinbar jeder Aktienkauf erfolgreich abgeschlossen wurde, begannen die Deutschen durchzudrehen (nicht anders kann das bezeichnet werden) und zockten jetzt mit Haus und Hof. Einige spekulierten sogar auf Kredit. Die Überzeugung dieser Zeit war:  „Jeder kann nur noch gewinnen“. Aktien stiegen täglich, die Gewinne im Depot wurde immer größer. Anlegerherz, was willst du mehr.

 

Die Neuemissionen verliefen zeitweise noch besser als der allgemeine Aktienmarkt. Zum ersten Kurs verdoppelten sich die Anteilscheine. Jeder war nur noch darauf erpicht, während der Zuteilungsphase Aktien des neuen Unternehmens zu ergattern. Die Gier nahm dann soweit überhand, dass für jedes Familienmitglied inklusive dem Hund ein Konto bei einer Bank eröffnet wurde, um ja die größtmöglichen Chancen für eine Zuteilung zu besitzen. Für die Glücklichen war es eine tolle Zeit, Einsätze wurde in wenigen Tagen verdoppelt, Gewinne wurden gemacht und man man konnte sich kaufen, was man wollte. Konsum war kein Problem, Geld auch nicht, denn durch die Aktiengewinne kam immer neues Geld herein. Der Neue Markt erreichte schwindelerregende Höhen und der Börsenhype seinen Höhepunkt.

 

Als wirklich (gefühlt) alle Deutschen an den Aktienmärkten verdienen wollten, und all ihr Erspartes in den Markt warfen, da endete jäh der Ausflug an die Börse. Kurse brachen ein, und jedesmal, wenn man auf bessere Zeiten hoffte, fielen die Kurse tiefer. Schnell eilten die Analysten den fallenden Kursen zur Hilfe und sprachen Kaufempfehlungen aus. Die Anleger kauften nach, um ihr Engagement zu verbilligen, das hatte schon früher gut funktioniert, aber diesmal eben nicht. Als die Kurse abstürzten, da verlor man nun doppelt.

 

Begleitet wurde der Absturz mit illegalen Machenschaften einiger Unternehmenslenker. Es kam zu Gerichtsverfahren und Betrugsvorwürfen. Einige Unternehmen wurden aus dem Segment Neuer Markt ausgeschlossen. Die deutsche Börse, als Betreiber des neuen Markts, reagierte und schloss das Börsensegment, da niemand mehr in diesem „Schandfleck“ investieren wollte. Zusätzlich wurden jetzt auch Berichte veröffentlicht, dass auch die Banken nicht sauber gearbeitet hatten. Sie hatten vor lauter Gewinnabsicht und Gier Unternehmen an die Börse begleitet, die nicht bereit dafür waren.

 

Zurück blieben die deutschen Anleger. Sie haben viel Geld verloren. Manche, die auf Kredit spekuliert hatten, verloren sogar Haus und Hof und mussten Jahre danach noch die Raten des Kredits abbezahlen. Sie fühlten sich von den Machenschaften des Aktienmarktes hintergangen. Es war im Jahre 2003, als die Deutschen schworen, nur noch dem Sparbuch treu zu bleiben. Lieber freute man sich über kleine Renditen, als das mühsam Ersparte am Aktienmarkt zu verzocken.

 

So endete die kurze Affäre der Deutschen am Aktienmarkt. Sie hatten sich die Finger ordentlich verbrannt und würden so schnell keine Aktien mehr anfassen. So ist es seit dem Absturz der Jahre 2000-2003 auch bis heute geblieben.

 

Es sind wenige Bundesbürger, die mit Aktien zu tun haben. Möglicherweise interessieren sich tatsächlich mehr Deutsche für den berühmten Sack Reis, der in China umfällt, als für den DAX, der 25% in drei Wochen verloren hat. Da können die Medien noch so oft die repräsentative erste Seite mit schaurigen Börsenbildern füllen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Ihr

start-trading Team

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