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China
- der
letzte Strohalm?
Sehr
geehrte Interessentin, sehr geehrter Interessent,
es scheint
nun alles an China zu hängen. Die Amerikaner haben
nur noch Schulden und keine Jobs, die Europäer haben
keine Aufträge und kämpfen mit dem Staatsbankrott,
nur China brummt und brummt. China ist der letzte Strohhalm,
den die Welt noch zu haben scheint. Entweder kurbeln
sie die Weltwirtschaft wieder an, oder es sieht düster
aus.
Auf
einmal ist China so wichtig für die Welt geworden,
das war früher mal ganz anders. Am Beispiel China ist
die Entwicklung gut zu erklären. Die Generation der
heute 30-40 Jährigen kann sich an folgende Ausdrucksform
erinnern: "Das interessiert mich etwa so viel, als
wenn in China ein Sack Reis umfällt". Diese
Ausdrucksweise ist fast ganz aus dem Sprachgebrauch gewichen,
was ist passiert?
In den
80ern war China weit weg und somit außerhalb des Spektrums,
das der Mitteleuropäer sehen konnte. Wen interessierte
damals schon China? Das waren diejenigen Menschen, welche
als Besucher in Europa immer freundlich lächelten und
Sehenswürdigkeiten belagerten um ein Foto zu schießen.
Ja ja, die Chinesen, man hat sie belächelt.
Die
Jahre vergingen und die Chinesen arbeiteten fleißig
daran, zu den Führenden der Weltwirtschaft aufzuschliessen.
Die Fotos wurden weiter geschossen, nun nicht mehr die der
Sehenswürdigkeiten in Europa, sondern ganze Delegationen
meldeten sich zu Unternehmensführungen an. Große
Gruppen an Besuchern wanderten durch die Werkshallen und
begutachteten die großen Maschinen. Die Europäer
waren stolz auf ihre Technik und präsentierten gerne
ihre Errungenschaften.
Die
belächelten Chinesen ließen nicht locker. Sie
wollten noch mehr wissen. Mehr über die Technik,
mehr über das Geheimnis der Entwicklung, mehr über
das Innenleben. Sie besuchten weiter die europäischen
Unternehmen und saugten alle Informationen auf, die sie
finden konnten. Immer ausgerüstet mit einer Fotokamera,
um ja alles festzuhalten. Das war in den 90igern.
Den
Europäern wurde es langsam zu mulmig, die Chinesen
waren ihnen zu neugierig geworden. Schnell wurden an den
Fabrikhallen Schilder aufgestellt, "fotografieren verboten".
Der neugierige Chinese sollte doch nicht zuviel erfahren,
vielleicht kopiert er am Ende die europäischen Produkte
noch. Also Schluss mit den Fotos und den ausgiebigen Informationen
zu der Technik und der Entwicklung.
Die
unterschwellige Sorge wurde kleingeredet. Der Chinese hat
doch gar keine Möglichkeiten, wie soll er die gesehenen
Produkte kopieren? Das geht doch gar nicht. Der Europäer
beruhigte sich selbst und seinesgleichen. Es kann nicht
sein, was nicht sein darf. Die Chinesen gerieten in Vergessenheit.
Doch
dann kamen die ersten Güter Chinas auf die Weltmärkte,
welche genauso aussahen wie die europäischen Produkte.
Das war zu Beginn des neuen Jahrhunderts. Da dämmerte
es den Europäern: die unterschätzten Chinesen
hatten fleißig gearbeitet und die europäische
Technik kopiert. Nun wollten die Chinesen ihre Produkte
zu einem Bruchteil am Weltmarkt verkaufen.
Die
Europäer waren entrüstet und besorgt, dass sie
nun auf ihren Waren sitzen bleiben würden. Sie hatten
jahrelang an der Entwicklung der Produkte gearbeitet und
nun sollte jemand anders die Lorbeeren einheimsen? Das geht
nicht. Sofort wurde die Rechtsabteilung eingeschaltet, um
internationales Recht durchzusetzen. Das interessierte
in China aber niemanden. China machte, was es wollte
und ließ sich nichts über Patente und Urheberschaft
sagen.
Die
Zeit war fortgeschritten und aus dem belächelten Chinesen
wurde nun ein wirklicher Konkurrent am Weltmarkt. Der Streit
begann nun zu eskalieren. Dort die bösen Chinesen,
welche internationales Recht ignorieren, hier die guten
Europäer, welche auf ihr Recht pochten. Doch was hilft
das Pochen, wenn niemand zuhört? Den Chinesen war es
sehr egal. Sie drängten weiter auf den Weltmarkt
und das auch noch erfolgreich, konnten sie doch die Güter
zu einem wesentlichen günstigeren Preis anbieten.
Die
Wahrnehmung wandelte sich. Die Europäer mussten von
ihrem hohen Ross hinunter und sich mit den Chinesen messen.
Da blieb keine andere Wahl. Da es keine Chance in Europa
für ein vergleichbares Lohniveau wie in China gab,
wanderten viele Europäer und auch Amerikaner nach China
und produzierten direkt vor Ort. Man nutzte die günstigen
Bedingungen. Den Chinesen war das willkommen, denn nun konnten
sie nicht nur ihre eigenen Produkte fertigen, sondern auch
noch die ganzen anderen Güter der Europäer und
Amerikaner. Ausserdem konnte man sich noch mehr Technikwissen
kostenlos aneignen.
Für
die Chinesen begann eine blendende Zeit. Zunächst mussten
Ländereien erschlossen werden, Infrastruktur bereitgestellt,
Fabriken gebaut werden. Immer mehr Unternehmen aus aller
Welt siedelten sich in dem großen Land im Reich der
Mitte an. "bloß keinen Wettbewerbsnachteil erleiden",
so die Denke der europäischen Unternehmen. Die Konkurrenz
war schon in China oder plante die Produktion auszulagern.
Immer mehr Firmen wanderten nach China um ihre Produktion
kostengünstig fertigen zu lassen. Leise gewannen
die Chinesen an Macht. Zuerst langsam, dann immer schneller.
Heute
sind dreißig Jahre vergangen. Die ehemals belächelten
Chinesen haben alle überholt. Während in Europa
und USA die Arbeitslosigkeit weiter steigt, die Aufträge
geringer werden und die Wirtschaft schrumpft, sieht es in
China ganz anders aus. Das Land wächst und wächst,
dass man Angst haben muss, es könnte platzen.
Allein
im Dezember 2009 sind die Exporte um 17,7% im Vergleich
zum Vormonat gestiegen. Die Importe stiegen um 55,9%. Deutschland
als bisheriger Exportweltmeister wurde im Jahre 2009
entthront. Denn die Chinesen haben mit 1,2 Billionen Dollar
an Exporten alle anderen Länder hinter sich gelassen.
Die
Welt ist nun abhängig von dem riesigen Land im Osten.
Diese machen nun die Regeln.
Die
Bedeutung der Asiatischen Märkte hat sich vollkommen
verändert. Heute beeinflussen Konjunkturdaten aus China
die Finanzmärkte (zum Beispiel am 11.01.2001: "starke
China Daten schieben DAX auf 16 Monats hoch").
Wenn China also massiv wächst, dann werden sie Technologie
und andere Produkte aus Europa benötigen, so der Glaube
derer, die auf wirtschaftliche Erholung hoffen. Also wächst
erst China und dann der Rest der Welt im Schlepptau. Das
ist der Wunschgedanke.
So hat
sich China gewandelt. Vom belächelten Land mit den
freundlich lächelnden Menschen sind sie nun zum Exportweltmeister
geworden, welche die Macht haben, die Regeln zu diktieren.
Der Rest der Welt hängt an dem Wohl der Chinesen. Alle
orientieren sich an deren Wachstum. Die Chinesen sind nun
der Gradmesser am Finanzmarkt geworden. Börsen reagieren
auf Daten aus Fernost, die Märkte in Asien werden stärker
beachtet. Die Chinesen haben es geschafft und die Europäer
sehen zu.
Was
man nicht zu glauben wagte ist geschehen, der Sack Reis
ist von wichtiger Bedeutung für die Weltwirtschaft
geworden. Früher nicht beachtet, hofft nun die Welt,
dass die Reissäcke bloß nicht umfallen mögen,
will man dem eigenen Wohl nicht schaden. Denn fällt
China, dann fallen alle anderen mit. Wir werden sehen, wie
sich die Wirtschaft im Osten und im Westen weiter entwickeln
wird.
Anmerkung: Dieser Artikel hat die Absicht zu zeigen,
wie ein Land sich zum Rettungsanker der Welt vorgearbeitet
hat. Es ist keine Lobeshymne an ein Land, welches seinen
Einwohnern alles diktiert, die Bevölkerung als billige
Arbeiter ausbeutet, oftmals sogar keine Gehälter zahlt
und ihre Arbeiter in Heime zwängt, nur um die Produkte
von Amerikanern und Europäern billig zu produzieren.
Es lohnt sich also nicht, die Chinesen als Vorbild zu
sehen, was leider die Medien all zu gerne tun. Das möchten
wir hier ausdrücklich unterstreichen.
Nur
wenn die Menschen für ihre Arbeit auch anständig
entlohnt werden, nur wenn auch soziale Rahmenbedingungen
eingehalten werden, dann kann auch eine Wirtschaft funktionieren.
Wie
die Chinesische Regierung an die starken Zahlen kommt, ob
die Statistiken vertrauenswürdig sind, oder ob das
Wachstum nur durch die künstliche Nachfrage aufgrund
der Regierung, also durch Konjunkturpakete, entstanden ist
und bald verpuffen wird, ist nicht zu beantworten.
Mit
freundlichen Grüßen